Schulkonzept

 

 

SchulkonzeptCurriculum
Home 
Kontakt 
Kinderhaus 
Pädagogik 
Aktuelles 
Dokumentation 
Aktuelle Fotos 
Infos, Formulare 
Primarstufe 

 

Pedagogical Key Concept and School Organization: Elementary School

Schulkonzept Primarstufe 

Das Schulkonzept als pdf.file

1. Das Konzept in Kürze

 1.1 Das pädagogische Konzept

 Das Konzept der Aktiven Schule, wie es dem Projekt Pädagogische Tagesschule Seldwyla/Primarstufe zugrunde liegt, stützt sich gleichermassen auf bewährte pädagogische Ansätze für schulisches Lernen wie auf moderne lern- und entwicklungspsychologische sowie neurobiologische Erkenntnisse. Es verdankt sich in der vorliegenden Form wesentlich den Modellen und Impulsen der Freien Aktiven Schule Frankfurt und des Projekts Monterana in St. Gallen/CH.

Die Erkenntnisse der holistischen Lerntheorien und der Neurowissenschaften bestätigen heute in vielem die Erfahrungen von Reformpädagogen wie Maria Montessori. Diese steht in der neuhumanistischen Tradition eines Johann Heinrich Pestalozzi, Jean Frédéric Oberlin oder Friedrich Wilhelm August Fröbel. In neuerer Zeit liegt der implizite Brückenschlag zu John Dewey auf der Hand. Dr. Montessori hat vor hundert Jahren das Vertrauen in die Wachstumskräfte und das Lernbedürfnis der Kinder gefordert und Lernen als psychophysischen, ganzheitlichen Prozess beschrieben. 

Das Konzept der Aktiven Schule beruht zudem auf der praktischen pädagogischen Arbeit der Nicht-Direktivität von Rebeca und Mauricio Wild sowie der Arbeit des Emmi Pikler-Institutes in Budapest zur Bewegungsentwicklung und den bewegungstherapeutischen Ansätzen von Elfriede Hengstenberg. 

Das Konzept kristallisiert sich an der Auffassung von Lernen als gezielter Adaptionsleistung von innen heraus. Deshalb bietet die Aktive Schule eine entspannte vorbereitete Umgebung mit vielfältigen Angeboten zum Lernen, Spielen und Sich-Bewegen, in der ein weitgehend selbst bestimmtes Lernen ermöglicht wird. Damit jedes Kind entsprechend seiner individuellen Entwicklungsbedürfnisse und in seinem eigenen Rhythmus lernen kann, bedarf es der aufmerksamen Begleitung durch die Erwachsenen. Ihre Aufgabe ist es, Bedürfnisse und Interessen der Kinder, ihre sensiblen Phasen und Entwicklungsprozesse wahrzunehmen und durch eine sorgfältige Vorbereitung der Umgebung darauf zu reagieren. 

Lernen vollzieht sich immer in Interaktion mit der Umwelt und im Umgang mit Menschen. Hierzu laden in Zonen eingeteilte und reichhaltig ausgestattete Räume sowie ein Aussengelände mit Erfahrungsmöglichkeiten in Natur und Umwelt sowie ökologischem Lernen ein. Die offen zugänglichen strukturierten und unstrukturierten Materialien regen die Kinder zu Tätigkeiten aller Art an – alleine oder miteinander. 

Lernen und ‚Be-greifen’ beruhen zudem auf ganzheitlichen Erfahrungen aller Art. Daher sind insbesondere die didaktischen Materialien dazu angelegt, Körper und Sinne anzuregen. Da sensomotorische und kognitive Entwicklung sich gegenseitig bedingen und bereichern, soll ausserdem Körper- und Bewegungserfahrung ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit sein. Damit wird vor allem auch den Erkenntnissen Jean Piagets Tribut gezollt, der die gesunde kognitive Entwicklung im Kontext der körperlichen Erfahrungen sieht. In Zeiten fortschreitender Bewegungsarmut und der deutlichen Zunahme des Adipositas-Syndroms bei Kindern und Jugendlichen (vgl. Rotthaus & Trapmann 2004) kommt diesem Ziel auch medizinische Bedeutung zu. 

Lebendiges Lernen beinhaltet die Vielfalt der Formen und Wege des Lernens und lebt von der motivatorischen Energie des Problemlösen-, Erkunden- und Entdeckenwollens. So können Kinder bei individueller und selbstständiger Beschäftigung mit didaktischen Materialien durch experimentelle Versuche und Fehler im Handeln ihre eigenen Erkenntnisse gewinnen, sich Fertigkeiten aneignen und dabei sich kreativ selbst erfahren. Im freien Spiel und Gestalten verarbeiten sie ihre Erfahrungen aus verschiedensten Lebensbereichen und schaffen somit die Grundlage für wirkliches Verständnis und vernetztes Denken. In Gemeinschaftsformen z.B. beim Kochen, Musizieren, Theaterspielen oder in fachübergreifender Projektarbeit haben sie Gelegenheit, gemeinsam an selbst gestellten Aufgaben zu arbeiten. In regelmässig wiederkehrenden Lerngeboten, die sich an den Bedürfnissen und am Erfahrungshorizont der Kinder orientieren, können in kleineren Gruppen bestimmte Fähigkeiten oder Techniken auch ‚spezialistisch’ erlernt werden, z.B. Handwerkliches, Tanz, Musik etc. 

Das Spiel, die Interaktion mit den anderen Kindern und Erwachsenen sowie die kreative Beschäftigung mit konkreten Materialien bieten den Kindern Möglichkeiten eines erfahrenden und kommunikativen Lernens, durch das Spracherwerb und Integration in besonderem Masse gefördert werden. 

Lebendiges Lernen gelingt am ehesten, wenn Kinder aktiv, selbstbestimmt und ohne Angst sein können. Aufgabe der Erwachsenen ist es deshalb, durch klare Regeln und Grenzen eine entspannte Atmosphäre zu schaffen und dafür zu sorgen, dass der Umgang miteinander von Achtsamkeit und Respekt geprägt ist. Dabei erhalten die Kinder altersgemäss hinreichend Raum für Mitbestimmung und Mitverantwortung. Soziales Lernen bleibt so kein leeres Schlagwort, sondern ist tagtägliche Erfahrung im Schulalltag. 

Da eine Schule mit einer solchen pädagogischen Ausrichtung auf eine enge Zusammenarbeit mit Eltern im Sinne einer pädagogischen Partnerschaft angewiesen ist, müssen verschiedene Formen von Elternarbeit mit einbezogen werden: thematische Elternabende, persönliche Gespräche, Einführungen in bestimmte Materialien, Seminarangebote, Workshops etc. Aber nicht nur in Bezug auf die Eltern soll der Erwachsenenbildung ein hoher Stellenwert eingeräumt werden, es können neben schulinternen Veranstaltungen auch öffentliche Fortbildungskurse und Vorträge angeboten werden. 

 

1.2 Das inhaltliche Konzept/Bildungsprofil

 Inhaltlich orientiert sich die Schule an Konventionen des internationalen Montessori-Curriculums für die Primarstufe (ein amerikanisches Beispiel befindet sich im Anhang) sowie am Lehrplan für die Volksschule des Kantons Zürich, ohne dessen Stundentafel im Einzelnen zu übernehmen. Die Kinder sollen ihre selbst gewählten Tätigkeiten im eigenen Tempo und mit Konzentration und Intensität durchführen können.  

Im Jahresgesamt werden die Lernziele der Kantonalen Stufenlehrpläne für die Primarstufe erfüllt. Allerdings gibt es in den Bereichen Fremdsprache sowie Mensch und Umwelt entscheidende Abweichungen, da auf religiöse Instruktionen verzichtet wird und Englisch ab Klasse 1 nicht als Fremdsprache gelehrt, sondern neben Hochdeutsch als Zweit- oder Erstsprache gesprochen wird. Die Pädagogische Tagesschule ist zweisprachig Deutsch und Englisch. 

Der selbstbestimmte Lern- und Entwicklungsprozess entzieht sich einer grob abstrahierenden Bewertung in Form von resultativen Ziffernnoten. Vielmehr werden Lernschritte an der Pädagogischen Tagesschule differenziert dokumentiert sowie Kinder und Eltern in regelmässigen Gesprächen und jährlichen Entwicklungsberichten über die Entwicklung des Kindes informiert. Abgangs- bzw. Übertrittszeugnisse können je nach Bedarf (und ergänzend zum individuellen Bericht) mit Noteneinschätzungen versehen werden. 

2. Grundlagen des pädagogischen Konzepts 

In diesem Kapitel wird beschrieben, wie Kinder sich physisch, emotional und kognitiv entwickeln, welchen Gesetzmässigkeiten sie hierbei folgen und welche Phasen sie durchlaufen. Ihre Andersartigkeit zum Erwachsenen wird in diesem Zusammenhang immer wieder betont, insbesondere bezüglich des Unterschieds in Denken und Lernen. Schliesslich kommt zur Sprache, welche Bedeutung diese Erkenntnisse für die Lernsituation von Kindern haben. 

2.1 „Innerer Bauplan“ 

„Jeder Organismus enthält in sich sein eigenes artspezifisches Entwicklungsprogramm einschliesslich der Möglichkeit zu neuartiger Interaktion mit seiner Umgebung. Dieses Potential ist beim menschlichen Organismus unvergleichlich grösser als bei jedem anderen Lebewesen.“ (Wild 1993, S. 122) 

Ausgangspunkt unserer pädagogischen Arbeit ist das Vertrauen in diese inneren Wachstumskräfte des Kindes. Die Entwicklung vom Kinde hin zum Erwachsenen folgt beim Menschen wie bei allen Lebewesen einer festgelegten Reihe verschiedener Reifungs- und Wachstumsprozesse, d.h. in jedem Kind ist das Potenzial heranzuwachsen vorhanden. Dies bezieht sich nicht nur auf seine körperliche Entwicklung, sondern auch auf die seelische und geistige Reifung, auf das Potenzial zu einem erwachsenen, mündigen, unabhängigen, selbstbewussten, autonomen Menschen zu werden. 

Die italienische Ärztin Maria Montessori, die innerhalb der Geschichte der Pädagogik eine grosse Bedeutung erlangt hat, indem sie auf der Grundlage ausführlicher Verhaltensbeobachtungen von Kindern erstmals in aller Deutlichkeit sah und zeigte, dass Kinder anders sind als Erwachsene, nannte dies den „inneren Plan“ oder auch den „Bauplan der Entwicklung“, der nach Entwicklung drängt: 

„Auch das neugeborene Menschenkind ist nicht bloss ein Körper, bereit, seine animalischen Funktionen aufzunehmen, sondern ein geistiger Embryo mit latenten seelischen Leitkräften. Es wäre widersinnig anzunehmen, dass gerade der Mensch, der sich durch die Grossartigkeit seines seelischen Lebens von allen anderen Geschöpfen unterscheidet und auszeichnet, als einziger keinen Plan seelischer Entwicklung in sich tragen sollte.“ (Montessori 1994, S. 26f.) 

Da sich dieser von innen gesteuerte Prozess aber immer als Interaktion mit der Umgebung manifestiert, ist auch klar, dass äussere Bedingungen die Entwicklung sowohl fördern als auch bremsen können. Daher ist keinesfalls gemeint, dass man Kinder nur sich selbst zu überlassen bräuchte und sie würden von ganz alleine zu gesunden, glücklichen und kompetenten Erwachsenen werden. Genau wie andere Lebewesen auch benötigt das Kind zur ungestörten Entwicklung seiner Person, zur optimalen Entfaltung seines „inneren Bauplans“ günstige Umweltbedingungen, also eine geschützte und liebevolle Umgebung, die genau auf seine Entwicklungsbedürfnisse abgestimmt ist, die sogenannte „vorbereitete Umgebung“: 

„Allerdings kann jeder Organismus sein Potential nur dann entfalten, wenn er eine seinen Entwicklungsbedürfnissen entsprechende Umgebung vorfindet. Für den Menschen bedeutet dies, dass sich auch echte Entscheidungskraft, Kreativität, Intelligenz und soziales Verhalten ganz natürlich entwickeln, wenn die Umgebung diese Möglichkeit nicht verhindert.“ (Wild 1993, S. 122) 

Der Erwachsene muss sich in diesem Zusammenhang bewusst werden, dass er selbst Teil der Umgebung ist und das grösste Hindernis darstellen kann, wenn er durch sein direktes Eingreifen in kindliche Handlungen dessen spontane Aktionen unterbricht und seine Entwicklung damit stört: 

„Am Mangel an Vertrauen zu den Lebensvorgängen liegt es, wenn man so oft unnötigerweise eingreift, statt ein Empfinden für den Gesamtzustand des Kindes zu haben und offen dafür zu sein, dass alles sich nur im Kontakt mit der Gesamtentwicklung einstellen darf. Durch unser Eingreifen wird eventuell eine Entwicklung in einem Teilgebiet vorwärts getrieben - getrieben im Sinne von Treibhaus. Eine solche scheinbare Förderung vollzieht sich jedoch auf Kosten der Harmonie der Gesamtentwicklung. Je mehr man ein Kind in Ruhe lässt, desto sicherer kommt der Moment, in dem das Kind so etwas von sich aus probiert; dann ist das, was bei solch einem autonomen Versuch herauskommt, der echte Ausdruck der gegenwärtigen Gesamtsituation dieses kleinen Menschen.“ (Jacoby 1994, S. 183)

 

 

2.2 „Sensible Phasen“ 

Im Zusammenhang mit dem „inneren Bauplan“ des Kindes beobachtete Montessori ein Phänomen, welches sie die „sensiblen Phasen“ oder „sensitiven Perioden“ nannte. Dabei handelt es sich um begrenzte Zeiträume („Zeitnischen“ oder, wie man heute sagt, ‚Entwicklungsfenster’) innerhalb der kindlichen Entwicklung, während deren das Kind eine extreme und spezielle Lernbereitschaft zeigt. Das bedeutet, ein Kind lernt zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Sache so schnell und effektiv wie zu keiner anderen Zeit. 

Diese „sensiblen Phasen“ sind genetisch verankert und haben die Funktion, dem Kind den Erwerb einer bestimmten Fähigkeit zu ermöglichen. In solch einer „sensiblen Phase“ werden die Nervenzellen im Rahmen des kortikalen Wachstums für einen begrenzten Zeitraum besonders empfänglich für bestimmte Aussenreize (z.B. menschliche Laute, d.h. Sprache). Verstreicht eine Phase, ohne für den Lernprozess genutzt worden zu sein, so kann dieses Defizit später – wenn überhaupt – nur mit grosser Mühe und niemals vollständig aufgearbeitet werden. 

Der Erziehung kommt hierbei die Aufgabe zu, diesen Phasenverlauf genau zu kennen und zu erkennen. Zwar ist keine dieser Phasen von aussen direkt beeinflussbar, und es ist daher ineffektiv einem Kind etwas zu vermitteln, wenn die dafür benötigte Phase noch nicht begonnen hat. Dennoch muss die gesteigerte Aufnahmebereitschaft des Kindes in der jeweiligen Phase „gesättigt“ werden, um die Phase nicht ohne Lernerfolg verstreichen zu lassen. Dazu ist es sinnvoll, dem Kind Materialien zur Verfügung zu stellen, über die es spezifische (der Phase gemässe) Erkenntnisse machen kann. Grundvoraussetzung hierfür ist wieder die sorgfältig „vorbereitete Umgebung“, in der das Kind frei wählen kann, womit es sich beschäftigt, sowie die „weise Zurückhaltung“ des Erwachsenen. 

2.3 Entwicklungsstufen 

Die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen verläuft dem „inneren Bauplan“ entsprechend in aufeinanderfolgenden Stufen oder Phasen, die sich deutlich voneinander unterscheiden. So beobachten wir bei Kindern unterschiedlichen Alters nicht nur deutlich erkennbare körperliche Veränderungen und Reifungen, wie z.B. das Wachsen der Zähne, sobald die Nahrungsaufnahme nicht mehr ausschliesslich durch das Saugen geschieht. Auch auf der psychischen Ebene finden wir solche Wandlungen oder Metamorphosen. Empfindet sich nämlich beispielsweise ein Baby noch als "eins mit der Welt" und entdeckt erst nach und nach, dass es eine eigenständige Person ist, so ist ein Kleinkind sich schon sehr deutlich seines eigenen Willens bzw. Wollens bewusst und kann auch Gefühle ausdrücken und unterscheiden. 

Zudem unterscheidet sich die Art und Weise, wie Kinder lernen und wie sie die Welt um sich herum wahrnehmen, aufnehmen und verarbeiten sehr, je nach der Entwicklungsstufe, in der sie sich befinden. Denn auch die Intelligenz entwickelt sich in Etappen und das kindliche Denken und Lernen unterscheidet sich vollkommen von dem des Erwachsenen. „Kinder sind, was ihre Denkprozesse betrifft, nicht lediglich junge Erwachsene. Sie denken auf eine Weise, an die sich Erwachsene nicht mehr erinnern können.“ (Gage/Berliner 1986, S. 159) 

Dieses Wissen um die „Andersartigkeit“ von Kindern in ihrem biologischen Wesen, ihrem Empfinden, ihrem Erleben und in ihrem Denken muss Eingang finden in unser Verständnis von Kindern und damit auch in die Formen der Erziehung und Bildung. Für das Konzept einer Aktiven Schule interessiert im Rahmen dieses Konzepts vorab insbesondere die Entwicklungsstufe von Kindern im Primarschulalter. Daher soll diese nun ausführlicher beschrieben werden. 

Die Entwicklungsphase, während der die Kinder der meisten Kulturen eine Primarstufe besuchen, wird durch zwei körperliche Wandlungen deutlich eingerahmt: der Zahnwechsel mit ca. 6 Jahren und die beginnende Pubertät mit ca. 12 Jahren. Maria Montessori nennt diesen Entwicklungsabschnitt die „zweite Kindheitsperiode“. Während die Phasen davor und danach beträchtliche Wandlungen aufweisen, offenbart sich in dieser Phase eine grosse Stabilität. Körperlich ist sie gekennzeichnet durch den genannten Zahnwechsel, ein gewisses sexuelles Reifestadium, eine grosse Streckung im Längenwachstum sowie einen Schub in der Bewegungsentwicklung. Zudem treten markante psychische und geistige Veränderungen auf, die sich in Interesse an moralischen und sozialen Fragen einerseits und in zunehmend kausalem Denken andererseits äussern. In dieser Wachstumsperiode zeigt das Kind einen gleich bleibenden „Geistestyp“, d.h. eine konstante Art und Weise zu lernen und zu denken, der Welt zu begegnen und Erfahrungen zu sammeln. Es sind „Jahre der Anreicherung“, in denen das Kind seine Fülle von Erlebnissen zu einem Schatz an Fertigkeiten und Fähigkeiten, auch an Wissen verarbeiten kann. 

Der Schweizer Psychologe Jean Piaget hat aufgrund systematischer Verhaltensbeobachtungen von Kindern unterschiedlichen Alters schlüssige Theorien erarbeitet, welche die Intelligenzentwicklung des Kindes zum Schwerpunkt haben. Er hat mit seiner Arbeit der Vorstellung ein Ende bereitet, dass die Denkstrukturen von Kindern denen der Erwachsenen entsprechen. Damit ergänzt und erweitert er in einer für uns wichtigen Weise die Beobachtungen Montessoris. Seine Theorie, dass sich die menschliche Intelligenz in mehreren Stufen vom Konkreten zum Abstrakten hin entwickelt, liefert uns bis in die heutige Zeit noch ein gutes Gesamtbild über die intellektuelle Entwicklung des Kindes und wird von neueren Theorien u.a. durch Erkenntnisse der Gehirnforschung u.a. über das Kortexwachstum unterstützt. 

Von den verschiedenen Entwicklungsstufen, die Piaget beschreibt, ist für uns die „Stufe der konkreten Operationen“ die wichtigste, denn sie erstreckt sich von ca. 7/8 Jahren bis ca. 12/13 Jahren. 

„In der operativen Etappe lernt das Kind in zunehmender Weise, seine Umgebung zu beherrschen, Faktoren gegeneinander auszutauschen, die Resultate miteinander zu vergleichen, die Kehrseite der Dinge zu sehen, immer feinere Unterschiede zu bemerken. Es lernt zu mischen und zu trennen, zu messen und Gemessenes aufzuschreiben und sein eigenes Verhalten den sich ständig verändernden Umständen anzupassen. Doch seine Fähigkeit, aus seinen persönlichen Erfahrungen logische Schlüsse zu ziehen und sie zu formulieren, ist noch beschränkt.“ (Wild 1992, S. 89) 

Begriffs- und Verständnisbildung jeglicher Art sind jedoch in jedem Fall nur im Umgang mit konkretem Material, mit Dingen und Gegenständen und durch eigenes Tun möglich. Denn jede Art von Denkstrukturen entwickelt sich aus „verinnerlichten Handlungen“. Informationen, die aufgenommen werden, ordnen sich im Gehirn zu komplexen Netzen, was bedeutet, dass handelnd zu lernen den Aufbau der Netzwerke des Gehirns fördert. (vgl. Gudjons 1997, S. 40ff.) 

„Kinder, vor allem in den Vorschul- und ersten Grundschuljahren, lernen dann besonders gut, wenn sie mit konkreten Objekten, Materialien und Phänomenen umgehen. ... Wenn das Kind die Möglichkeit erhält, Dinge zu manipulieren, an ihnen Handlungen zu vollziehen, sie zu berühren, sie zu sehen und zu fühlen, so stellt dies eine effektivere Hilfe für den Erwerb eines Verständnisses für Konzepte und Beziehungen dar als die abstrakteren Formen des Lernens, die in der späteren Kindheit und in der Adoleszenz zum Erfolg führen.“ (Gage/Berliner 1986, S. 159) 

Doch auch bei Jugendlichen sind abstrakte Lernformen nur dann erfolgreich, wenn die frühen Verständnisformen (ausreichender Umgang mit konkreten Materialien) vorausgesetzt werden können. 

„Kinder, die nicht im Spiel mit Schaukeln ein ‚Gefühl’ für die Hebelgesetze erworben haben, werden bei der Aneignung eines derartigen Verständnisses im Physikunterricht Schwierigkeiten haben. Kinder, die nicht mit Perlen, Stöcken und Knetgummi gespielt haben, werden möglicherweise Schwierigkeiten dabei haben, ein Verständnis für Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division zu erreichen.“ (ebd.)  

2.4 Wie Kinder lernen 

„Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln.“ (Erich Kästner)

 Im vorangegangenen Kapitel wurde schon beschrieben, dass Lernen mit selbstbestimmtem Handeln einhergeht. Mehr noch: Lernen ist ein aktiver, von innen gesteuerter, strukturierender Prozess, der in vielfältiger Interaktion mit der Umwelt geschieht. Kinder lernen demnach vor allem durch Ausprobieren und Experimentieren, durch Versuch und Irrtum. Sie zeigen ein entdeckendes, erforschendes Verhalten und ein hohes Mass an Kreativität beim Weiterentwickeln ihrer Ideen und beim Durchspielen verschiedener Problemlösungen. Dabei entwickelt Lernen sich nicht, wie früher angenommen linear fortlaufend in kleinen Schritten von Stufe zu Stufe, d.h. nicht im Sinne eines sukzessiven, additiven Zuwachses. Lernen folgt vielmehr anderen Gesetzmässigkeiten, denn Lernen ist lebendig: „Es geht Umwege, es springt, es organisiert Erfahrenes um, es integriert Neues, es ist mehr ein platzender Knoten als eine gleichmässig ansteigende Linie [...]“ (Wallrabenstein 1994, S. 128). 

Auch verfügen Kinder über individuelle und teilweise sehr mannigfaltige Zugangsweisen zu den verschiedenen Lerngegenständen und erschliessen ihre Umwelt ganzheitlich, d.h. all ihre Sinne, ihr Empfinden, Denken und Tun sind in unterschiedlicher Weise in Lernprozesse einbezogen: „[...] wenn Kinder erzählen, singen, malen, spielen, experimentieren, schreiben, rechnen, philosophieren, bauen, hüpfen, sind sie mit dem Kopf, mit dem Herzen, mit Augen und Ohren, mit den Händen, mit ihrem ganzen Körper beteiligt.“ (ebd. S. 127) 

Ganzheitliches Lernen bedeutet zudem auch das Ansprechen sämtlicher Hemisphärenkapazitäten des Gehirns, da die verschiedenen Lernkanäle des Kindes berücksichtigt werden (visuelles, haptisches, auditives Lernen etc.), die bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt sind. So werden Informationen und Erfahrungen für das Gehirn reichhaltiger und plastischer gestaltet und dadurch leichter abrufbar, da sie in redundanter und qualitativ unterschiedlicher Form (semantisch, episodisch etc.) gespeichert werden. Auf diese Weise wird die Vernetzung im Gehirn optimiert, d.h. späteres Lernen wird wesentlich erleichtert. 

Dieser Wandel der klassischen Lernvorstellungen zeigt die Notwendigkeit, die Lernsituation zu verändern und andere Lernmöglichkeiten zu bieten als den rezeptiven Nachvollzug von Vorgedachtem: Lernmöglichkeiten, die Kinder ganzheitlich ansprechen als die kreativen und erfinderischen Wesen, die sie sind. Dabei ist nicht nur das Kind ganzheitlich zu betrachten, sondern auch der Lerngegenstand selbst. Denn wenn ein Kind sich für etwas Bestimmtes interessiert, womit es sich ausführlich beschäftigen möchte, wird es diese Sache oder Thematik mit Sicherheit von den verschiedensten Seiten betrachten und untersuchen sowie auf unterschiedlichste Art und Weise bearbeiten, verarbeiten und ausdrücken. Das Kind wird in keinem Fall sein erlangtes Wissen einzelnen Fachgebieten zuordnen, sondern sich ganzheitlich und überschauend bzw. vom Ganzen zum Detail seinem Interessensgebiet nähern. 

Die Zerstückelung in die bekannten Unterrichtsfächer ist daher willkürlich, nicht natürlich. In diesem Zusammenhang bietet eine Umgebung, die angereichert ist mit eine Vielzahl an facettenreichen Materialien und Experimentiermöglichkeiten, reichhaltige Möglichkeiten für diese ganzheitliche Herangehensweise des Kindes an Themen und Problemstellungen. 

Beobachtet man Kinder bei selbst gewählten Tätigkeiten, so erkennt man leicht, wie neugierig sie sind auf die Welt um sie herum, wie wissbegierig und wie erfüllt von dem Drang herauszufinden, was sich hinter den Dingen verbirgt, wie sie funktionieren oder wozu man sie verwenden kann. Je intensiver dabei die Beziehung der Kinder zu einem zu lösenden Problem ist, je mehr eine Fragestellung für sie persönlich bedeutsam ist, desto nachhaltiger und motivierter lernen sie. 

Lernen ist also sehr von der inneren Einstellung der Kinder zum Lerngegenstand abhängig. Insbesondere durch ein Lernen durch Selbstentdecken, das immer an ein Tun, an die Tätigkeit der Kinder gebunden ist, wird die Beziehung zum Lerngegenstand besonders eng und ist das Gelernte von bleibender Dauer. 

Daraus ergibt sich wiederum unmittelbar die Forderung nach Selbstverantwortung der Kinder für ihren Lernprozess und nach einem definierten Rahmen, einer vorbereiteten Umgebung für frei tätiges, selbstständiges Arbeiten, für selbstinitiiertes und geplantes Lernen. 

2.5 Bewegung 

„Die Welt erschliesst sich dem Kind über Bewegung, Schritt für Schritt ergreift es von ihr Besitz. Mit Hilfe von körperlichen und Sinneserfahrungen bildet es Begriffe; im Handeln lernt es Ursachen und Wirkungszusammenhänge kennen und begreifen.“ (Zimmer 1989, S. 16) 

Im Zusammenhang mit der Bedeutung, welche die Bewegung für die kindliche Entwicklung hat, denkt man zunächst oft an körperlich-motorische Ziele. Zu nennen wären da beispielsweise die Stärkung der Muskelkraft und das daraus resultierende Fernbleiben von Haltungsschäden, die Verbesserung der Koordination oder auch die Anregung des Herz-Kreislauf-Systems. All diese Funktionen stellen eine sehr wichtige Seite der Bewegung dar, denn sie dienen der Gesunderhaltung. Von der Adipositas-Prophylaxe war die Rede. 

Sehr wesentlich ist die Bewegung jedoch ausserdem für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Denn das Kind erfährt einerseits durch und in Bewegung sowohl seinen Körper als auch sich selbst und nimmt andererseits über Bewegung Kontakt zu seiner Umwelt auf. 

„Durch und in Bewegung erprobt das Kind seinen Körper; es lernt, mit ihm umzugehen, ihn einzuschätzen, seine Signale zu beachten. Aus Raum-, Zeit- und Bewegungserfahrungen baut es sich ein schematisches Bild vom eigenen Körper auf. [...] Einen Körper zu haben und zugleich sein Körper zu sein, stellt eine wichtige Erfahrung auch für die Entwicklung der kindlichen Identität dar. Der Aufbau des „Selbst“, des Vertrauens in die eigene Person und das Bild, das man sich über sich selber macht, ist beim Kind im Wesentlichen geprägt von den Körpererfahrungen, die es in den ersten Lebensjahren macht.“ (ebd. S. 17f.) 

In diesem Zusammenhang ist es entscheidend, dass Kinder ihre Bewegungserfahrungen selbsttätig machen. Das bedeutet, sie brauchen nicht nur zahlreiche Gelegenheiten, beispielsweise die Gesetze der Schwerkraft, des Hebels, der Balance, etc. zu erforschen und am eigenen Körper zu erfahren, sondern es ist wesentlich, dass sie selbst gewählten Aufgaben folgen, selbst gesteckte Ziele zu erreichen versuchen, frei mit ihrem Körper experimentieren können, dabei eigene Grenzen erfahren, Fehler machen und aus ihnen lernen. 

Ganz in diesem Sinne arbeitete die Gymnastiklehrerin Elfriede Hengstenberg. Sie schuf mit einfachen Geräten, wie z.B. Leitern und Stangen oder Brettern mit aufgeklebten Leisten, sogenannte Bewegungslandschaften, die vielfältige Anregungen für die Eigenaktivität der Kinder enthielten. Dabei konnten die Kinder Umsicht und Geschicklichkeit entwickeln sowie ihr äusseres – und auch inneres – Gleichgewicht finden. 

„Wir alle kennen diese ursprünglichen Regungen der Kinder, die immer wieder darauf hinauslaufen, allein probieren zu wollen. Wir sollten nur noch mehr darum wissen, dass diese unermüdliche Überwindung von Widerständen aus eigener Initiative dem Kind jene Spannkraft verleiht, die wir ihm zu erhalten wünschen, und dass die Freude an der Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten darauf beruht, dass es selbständig beobachten, forschen, probieren und überwinden durfte.“ (Hengstenberg 1991, S. 15) 

Die Wichtigkeit der Förderung einer ungehinderten und freien Bewegungsentfaltung für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes wurde unabhängig voneinander auch von weiteren bedeutenden Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts erkannt, wie beispielsweise Jean Piaget, Dr. Emmi Pikler und Moshé Feldenkrais. Sie deckt sich mit zeitgenössischen bewegungsphysiologischen und -psychologischen Erkenntnissen. Jean Piaget hat in diesem Zusammenhang einen weiteren wichtigen Aspekt der Bewegung beschrieben, nämlich ihre Bedeutung für die Intelligenzentwicklung des Kindes. Seiner Ansicht nach ist Bewegung Grundlage für abstraktes Denken: „Die Strukturen der Intelligenz können nur durch konkrete Aktivität gebildet werden, und zwar unter Einbeziehung aller Sinne und grösstmöglicher Bewegungsfreiheit.“ (Piaget 1969, S. 27) 

Insgesamt betrachtet muss also der Bewegung und insbesondere der freien Bewegungsentfaltung ein hoher Stellenwert eingeräumt werden. Dies bedeutet einerseits, den Kindern jederzeit die Möglichkeit zu geben, ihrem Drang nach Bewegung nachzugehen – stundenlanges Stillsitzen schliesst sich hiermit aus –, und andererseits, ihre Eigenständigkeit im Erfahren und Üben von Bewegungen zu unterstützen. 

2.6 Zusammenfassung 

Die Entwicklung des Kindes folgt physisch, emotional und kognitiv einem genetisch festgelegten inneren Entwicklungsplan, dem, was Montessori den „inneren Bauplan“ nannte. Dabei durchläuft das Kind sogenannte „sensible Phasen“, in denen seine Sinne besonders aufnahmefähig und sensibel für bestimmte Aussenreize sind, um eine bestimmte Fähigkeit, z.B. die Sprache, leicht erwerben zu können. Ausserdem folgt die Entwicklung des Kindes bestimmten Phasen, insbesondere die Intelligenz entwickelt sich in Stufen vom Konkreten zum Abstrakten. Lernen geschieht dabei von innen heraus und ist kein von aussen gesteuerter Prozess. Es geschieht nicht linear und über nur einen Lernweg, sondern ist lebendig und ganzheitlich. Je motivierter ein Kind beim Lernen ist, je grösser die Bedeutung des Lerngegenstandes für es ist, desto nachhaltiger und effektiver lernt es. 

Bewegung spielt bei der Entwicklung des Kindes eine wesentliche Rolle. Dabei sind nicht nur körperliche Aspekte zu beachten, denn Bewegung ist auch besonders wichtig für den Persönlichkeitsaufbau und die Intelligenzentwicklung von Kindern. Der Möglichkeit zu freier Bewegungsentfaltung von Kindern kommt daher eine hohe Bedeutung zu.

 Insgesamt betrachtet ergibt sich als sinnvollste Lernsituation für Kinder eine sorgfältig vorbereitete, mit Materialien aller Art angereicherte, liebevolle, entspannte und geschützte Umgebung, die den Entwicklungsetappen und -bedürfnissen der jeweiligen Altersstufe entspricht. Durch Selbstbestimmung der Kinder in der Wahl ihrer Tätigkeiten wird gewährleistet, dass sie sich gemäss ihres „inneren Bauplans“ entwickeln können. 

 

3. Lernumgebung und Lernbegleitung 

Im vorangegangenen Kapitel wurde als sinnvollste Lernsituation für Kinder eine „vorbereitete Umgebung“ genannt, in der Kinder selbstbestimmt Lernen können und in der sie von Erwachsenen aufmerksam, in „weiser Zurückhaltung“ begleitet werden. Dies wird nun ausführlicher beschrieben.

 3.1 Die „vorbereitete Umgebung“

     „Wenn wir von ‘Umgebung’ sprechen, so verstehen wir darunter die Gesamtheit all der Dinge, die das Kind frei in ihr auswählen und so lange benutzen kann, wie es will, also gemäss seinen Neigungen und seinem Bedürfnis nach Tätigkeit. [...] Gewöhnlich haben die Kinder gleichzeitig verschiedene Wünsche. Das eine beschäftigt sich mit einer Sache, das zweite mit einer anderen, ohne dass es zum Streit kommt. Es entwickelt sich vielmehr ein grossartiges Gemeinschaftserleben voller Energie und lebhafter Aktivität, und die Kinder lösen von sich aus friedlich und freudig viele Probleme des Lebens in der Gemeinschaft, welche die freie und vielfältige individuelle Tätigkeit nach und nach aufwirft. In der Umgebung liegt eine erzieherische Kraft, die alles um sie herum durchdringt. Die Menschen, Kinder und Lehrerin, haben ihren Anteil daran.“ (Montessori 1969, S. 72)

     

 Die vorbereitete Umgebung, das sind die Innen- und Aussenräume der Schule. Die Innenbereiche halten in einer geschützten und entspannten Atmosphäre eine Vielzahl von Lern-, Spiel-, Experimentier- und Erfahrungsangebote für die Kinder bereit, die übersichtlich in Regalen und Nischen angeordnet sind. Dort finden die Kinder eine reichhaltige Fülle von sowohl „strukturierten“ als auch „unstrukturierten“ Materialien mit hohem Aufforderungscharakter, die zu Tätigkeiten aller Art – alleine oder miteinander – verlocken. „Strukturierte“ Materialien sind didaktische, also Lernmaterialien, die dem Erwerb einer bestimmten Fähigkeit dienen bzw. einen gezielten Umgang implizieren (z.B. Rechen- und Schreibmaterialien, Materialien zur Sinneswahrnehmung). Ein wesentlicher Aspekt dieser Materialien sollte sein, dass sie eine Selbstkontrolle enthalten, das Kind also in der Überprüfung seiner Tätigkeit unabhängig vom Erwachsenen ist. Mit „unstrukturierten“ Materialien sind solche gemeint, die auf vielfältige Art und Weise Verwendung finden können, je nach Ideenlust und Experimentierfreude der Kinder (z.B. leere Schachteln, Schnüre, Stoffe, Farben, Sand, Wasser, Holz, Verkleidungen).

 Um dem Bedürfnis nach freier Bewegungsentfaltung Rechnung zu tragen, gibt es innerhalb der vorbereiteten Umgebung auch einen speziellen Bewegungsraum. Hier stehen den Kindern neben kleineren Sportgeräten wie Bälle, Seile und Matten auch die Hengstenberg-Geräte zur Verfügung, um vielfältige Erfahrungen im Klettern, Schaukeln, Balancieren, Springen, Fortbewegen aller Art machen zu können.

 Auch im Aussenbereich der Schule wird dem Bewegungsbedürfnis der Kinder durch Angebote beispielsweise zum Klettern, Balancieren, Toben und Ballspielen Rechnung getragen. Andererseits ist der Kontakt zur Natur ein wichtiger Lernaspekt in der Aktiven Schule, so dass auch Gartenarbeit im Aussengelände angeboten ist.

 Die Auswahl dieser gesamten Materialien ist nun keinesfalls willkürlich, sondern bedarf einer sorgfältigen Vorbereitung. In der Interaktion mit der vorbereiteten Umgebung bekommen die Kinder die Möglichkeit, all die Dinge zu lernen, die sie zum Leben in ihrer Lebenswelt, in ihrer Kultur brauchen. Dazu gehören neben Sprechen und Laufen, Sitten und Gebräuchen, sozialer und emotionaler Kompetenz auch die Kulturtechniken unserer Gesellschaft (Lesen, Schreiben und Rechnen) sowie eine allgemeine oder auch spezialisierte Bildung. Somit richten wir uns in der Auswahl der Materialien nicht nur nach den klassischen Vorgaben des Montessori-Curriculums (s. Anhang), sondern berücksichtigen auch in wichtigen Teilen die Vorgaben des Lehrplans für die Volksschulen des Kantons Zürich (Fassung gemäss BRB vom 12. Februar 2007).

 Stets muss gewährleistet sein, dass jedes Kind sowohl in seinen individuellen Bedürfnissen, als auch entsprechend seiner sensiblen Phasen und Entwicklungsstufen Beachtung findet, damit es optimal in der Entfaltung seines „inneren Bauplans“ unterstützt werden kann. Dies bedeutet auch, dass die vorbereitete Umgebung – einmal eingerichtet – nicht fertig ist, sondern immer wieder Wandlungen unterworfen sein wird, die aus der Beobachtung der Kinder und dem Zusammenleben mit ihnen notwendig werden. 

„Aber wenn dem Kind entsprechende äussere Hilfsmittel fehlen, wird es nie fähig sein, die grossen Energien zu gebrauchen, mit denen es die Natur ausgestattet hat. Es wird sich instinktiv zu einer Aktivität gedrängt fühlen, die seine ganze Energie beanspruchen kann, denn das ist der natürliche Weg, seine Fähigkeiten vollkommen zu erwerben. Wenn es aber nichts gibt, das diesen Antrieb befriedigen könnte, was bleibt dem Kind dann übrig, als seine Aktivität ziellos, heftig und unordentlich zu entwickeln? Von der Vorbereitung einer Umgebung hängt alles ab.“ (Böhm 1971, S. 53) 

3.2 Der „erziehende Erwachsene“ 

Wenn Lernen selbstbestimmt und in einer „vorbereiteten Umgebung“ stattfindet, wandelt sich die Rolle des „erziehenden Erwachsenen“ grundlegend. Er ist nicht mehr derjenige, der Vorgaben macht und deren Durchführung kontrolliert, sondern er wird zum aufmerksamen und unterstützenden Begleiter des Kindes in seinen jeweiligen Prozessen sowie zum Schöpfer der „vorbereiteten Umgebung“. 

Statt also in das Tun des Kindes einzugreifen oder es zu lenken, nimmt der Erwachsene sich in seinen Handlungen zurück. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass er überflüssig wird bzw. die Kinder einfach nur sich selbst zu überlassen bräuchte – im Gegenteil, ihm kommt eine sehr grosse Verantwortung zu: 

„Zwischen den beiden Extremen ‚ein Kind allein lassen’ (es verlassen) und ‚sein Problem lösen’ liegt das Gebiet, in dem sich echte Entwicklungsprozesse ergeben. Leider wird es von ‚erziehenden Erwachsenen’ so selten betreten, dass wir es beinahe als Niemandsland bezeichnen können. In dieser Zone sind wir beim Kind, wir begleiten es, wir sind einfach da. Wir gehen nicht weg, ermuntern auch das Kind nicht mit dem üblichen ‚das kannst du schon’ zur Selbständigkeit, motivieren es nicht, greifen seinen Ideen nicht voraus, lenken es nicht ab, unterstützen es, wenn nötig und erwünscht, in seiner Aktivität und setzen – wenn dies erforderlich ist – Grenzen, damit alle Beteiligten sich wohl fühlen können.“ (Wild 1992, S. 41f.) 

Um dieses „Niemandsland“ betreten zu können, ist es notwendig eine Grundhaltung zu entwickeln, die sowohl geprägt ist durch Achtsamkeit und Respekt gegenüber den Kindern sowie durch das Vertrauen in ihre Wachstums- und Entwicklungsprozesse, also in die Fähigkeit der Kinder, sich gemäss ihres „inneren Bauplans“ zu entfalten. 

„Einfach da zu sein“ meint in diesem Zusammenhang eine besondere Präsenz und Wachheit des Erwachsenen, die wir „Gegenwärtigsein“ nennen. Es bedeutet, offen und flexibel auf alle neuen Situationen zu reagieren. Der „erziehende Erwachsene“ muss lernen, sich „klein“ zu machen, dem Kind auf dessen Ebene zu begegnen, sich in es hinein zu versetzen und einzufühlen, es in seinem Wesen ernst zu nehmen und sich ihm neugierig und offenherzig zu nähern. Gleichzeitig muss er lernen, die inneren Vorstellungen dessen, was in einem bestimmten Zusammenhang „gut“ für das Kind ist, abzustreifen. Dadurch, dass wir glauben zu wissen, was „gut“ für ein Kind ist und was nicht, was es lernen sollte oder auf was es seine Aufmerksamkeit richten sollte, werden wir blind für die wahren Bedürfnisse der Kinder. Sie werden gebremst in ihrer Eigenaktivität, in ihrer Selbstbestimmtheit, in ihrer Wahrnehmung der Welt und damit letztendlich in der freien Entfaltung ihres „inneren Bauplans“, in ihren Entwicklungs- und Lernprozessen. Eine Lernbegleitung, die sich dessen bewusst ist, sich zurücknimmt und nicht steuert oder eingreift, heisst „nicht-direktiv“. 

Eine weitere Grundhaltung, die Lernbegleiter/innen neben dem „Gegenwärtigsein“ und der „Nicht-Direktivität“ entwickeln müssen, ist die Fähigkeit zur aufmerksamen Beobachtung. Denn nur so können sie die Entwicklungsbedürfnisse der Kinder erfassen, ihren Reifestand erspüren, sensible Phasen unterscheiden, Lernhemmnisse oder Entwicklungsprobleme erkennen sowie deren Ursachen aufdecken und die Kinder bei deren Überwindung unterstützen. „So muss der Lehrer das Kind beobachten, nicht so sehr mit dem Gedanken, es zu erziehen, sondern um zu lernen, wie er es erziehen soll.“ (Böhm 1971, S. 19) 

Um all diesen Anforderungen gerecht zu werden, steht der Erwachsene selbst in einem Umerziehungsprozess. Er muss in der Lage sein umzudenken und sich seines Verhaltens bewusst zu werden sowie sich selbst dabei immer wieder zu reflektieren und mit anderen diesbezüglich auszutauschen. 

Schliesslich ist es Aufgabe der Lernbegleiter, die „vorbereitete Umgebung“ entsprechend der authentischen Bedürfnisse zu schaffen, zu ergänzen und zu erneuern. Dabei fliessen Rückschlüsse aus den gemachten Beobachtungen ein und werden umgesetzt. 

3.3 Freiheit und Grenzen 

„Eine für spontane Handlungen geeignete Umgebung ist aber keinesfalls eine ‚unbegrenzte Umgebung’. Vielmehr hat jede Lebenssituation sowohl natürliche Grenzen wie auch Grenzen des common sense. Ohne sie gäbe es weder gegenseitigen Respekt noch eine entspannte Umgebung, die beide für eine echte Entwicklung unerlässlich sind.“ (Wild 1992, S. 16) 

Häufig gibt es Schwierigkeiten, diesen scheinbaren Widerspruch zwischen festen Grenzen und freier Entscheidung zu verstehen, da der Begriff „Freiheit“ ein Bild von „Unbegrenztheit“ auslöst. Doch jedes Zusammenleben benötigt klare Grenzen, sowohl um den Einzelnen zu schützen, um einen verlässlichen Rahmen, Halt und Geborgenheit zu ermöglichen, als auch um das Miteinander zu ordnen. Zudem gibt es Grenzen, die durch die Natur vorgegeben sind und unveränderlich gelten, wie z.B. die Schwerkraft. Grenzen gehören also zum Leben, sind sozusagen lebensnotwendig. 

Weshalb sie dennoch hier ein eigenes Kapitel beanspruchen, liegt in der Verwirrung darüber, wie Grenzen gesetzt werden sollen. Denn Grenzen sind für viele mit Zweifel und schlechten Erinnerungen, mit Qual und Abwehrhaltungen belastet. Diese eigenen, oft schmerzhaften Erfahrungen möchten Erwachsene den Kindern ersparen. Als Folge verzichten sie entweder weitgehend auf Grenzen, berauben die Kinder dadurch aber einer wichtigen Orientierungshilfe sowie der Möglichkeit zu lernen, sich gegenseitig zu achten oder auch Material wertzuschätzen. Oder aber sie versuchen, Grenzen durch lange Erklärungen und Begründungen abzuschwächen, womit sie jedoch dem Schmerz der Grenze einen weiteren Schmerz hinzufügen. Denn ein Kind, das versteht, warum die Grenze vorhanden ist, „darf“ seinen Protest sozusagen nicht mehr zeigen oder gar zulassen. (vgl. Wild 1993, S. 136) 

Wenn wir Grenzen setzen, tun wir es daher klar, einfach und verantwortlich. Genau wie eine natürliche Grenze (z.B. die Schwerkraft) ist nämlich auch eine soziale Grenze (z.B. „Hier werfen wir Abfall in den Abfalleimer.“) oder eine persönliche Grenze (z.B. „Ich möchte nicht, dass du mit meinem Füller schreibst.“) einfach da. Sie wird in respektvollem, ruhigem Ton und in persönlicher Sprache gesetzt, wenn nötig auch mehrfach. „Die Erwachsenen müssen lernen, sich selbst gegenüber möglichst treu zu sein und sich so direkt und persönlich wie möglich auszudrücken. Das ist die einzig akzeptable Lösung. Es gibt Grenzen, die per definitionem für Kinder gesund sind.“ (Juul 200, S. 231) 

Dabei wird die Grenze mit keiner Erklärung verwässert, weder mit Belohnung noch mit Bestrafung bedacht. Löst diese Grenze beim Kind Schmerz aus, so sind wir bei ihm und begleiten es. Wir nehmen den Schmerz ernst, verschieben jedoch die Grenze nicht, lenken das Kind nicht ab, sondern lassen seinen Protest zu. Eine Grenze darf schmerzen. 

Regeln des Zusammenlebens machen es jedoch zudem immer wieder notwendig, Konsequenzen bei Nichtbeachtung dieser Regeln zu formulieren. Diese Konsequenzen sollten dann in jedem Fall in einem nachvollziehbaren Zusammenhang zur Regel stehen und keinesfalls mit einer Strafe oder Drohung verwechselt werden. (z.B. „Du kannst auf dem Blatt Papier malen, aber nicht auf dem Tisch. Wenn du auf dem Tisch malst, kann ich dich nicht mit den Stiften spielen lassen.“) 

In der Aktiven Schule gehören Grenzen also selbstverständlich zum Alltag. Dabei gibt es einerseits feste Kodizes, die unabdingbar für alle gelten, wie beispielsweise Gewaltfreiheit (körperlich und verbal), sorgfältiger Umgang mit Materialien, Achtung vor dem Eigentum anderer, Respekt vor den Bedürfnissen und Wünschen anderer, ein Ethos der Ordnung usw. Andere Regeln der Gemeinschaft sowie auch Konsequenzen bei Nichtbeachtung werden dagegen gemeinsam mit den Kindern aufgestellt und in regelmässigen Abständen auf ihre Tauglichkeit hin überprüft. 

In jedem Fall jedoch gilt: Grenzen sollen Grenzen bleiben und nicht zu Erziehungszwecken missbraucht werden. „Wenn also Grenzen nicht wirklich notwendig sind und nur aufgestellt werden, um gewisse Resultate zu erzielen oder ein Kind zum Gehorsam zu erziehen, hören sie auf, wirkliche Grenzen zu sein.“ (Wild 1998, S. 49) 

 

3.4 Zusammenfassung 

Die „vorbereitete Umgebung“ umfasst die Innen- und Aussenräume der  Schule. Thematisch ausgestattete Räume enthalten vielfältige Angebote zum Lernen, Spielen und Sich-Bewegen in Form von offen zugänglichen, strukturierten und unstrukturierten Materialien aller Art. Die Kinder erhalten so die Möglichkeit selbstbestimmt zu lernen. 

Der „erziehende Erwachsene“ begleitet die Kinder in ihren Lern- und Entwicklungsprozessen. Er entwickelt dabei eine achtsame und respektvolle Haltung des „Gegenwärtigseins“ und der „Nicht-Direktivität“. In seiner Rolle als Lernbegleiter zeigt er sich dabei gleichzeitig zurückhaltend und beobachtend, genauso wie aufmerksam begleitend und präsent. Seine Beobachtungen lässt er einfliessen in die sorgfältige Vorbereitung der Umgebung. 

Grenzen gehören zum Leben und sichern ein entspanntes und geschütztes Umfeld sowie ein geordnetes Miteinander. Grenzen werden respektvoll und klar gesetzt, ohne durch Erklärungen oder anderes Beiwerk verwässert zu werden. Bestrafungen und Belohnungen werden als zwei Seiten derselben Medaille und daher als destruktiv erachtet und vermieden. Bestimmte Grundregeln der Aktiven Schule sind fest und unabänderbar, andere dagegen können von den Kindern mitbestimmt und auch abgewandelt werden. 

 

4.1 Lernformen innerhalb der „vorbereiteten Umgebung“ 

In den vorangegangenen Kapiteln wurde beschrieben, dass lebendiges Lernen ein aktiver, von innen gesteuerter Prozess ist. Den Motor bilden dabei Eigeninitiative und Motivation der Kinder, welche die Freiheit haben, innerhalb festgelegter Grenzen ihre Tätigkeiten selbst zu wählen. Voraussetzung dafür ist die sorgfältig vorbereitete Umgebung mit einer Vielzahl von strukturierten und unstrukturierten Materialien, die sowohl unserer Kultur als auch den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder entsprechen. Innerhalb dieses Rahmens stehen die im Folgenden beschriebenen Lernformen gleichberechtigt nebeneinander, d.h. jedes Kind kann darunter frei auswählen. Es gibt also keinen Stundenplan, der für eine bestimmte Zeit freie Arbeit, dann wieder freies Spiel und später ein Projekt vorsieht, sondern alle Lernformen können parallel zueinander stattfinden – je nachdem, wie sich die Kinder entscheiden bzw. die Organisation es zulässt. Ausgenommen sind dabei nur die Kurse und Projekte, die eine gewisse Regelmässigkeit und Verbindlichkeit aufweisen. Der Impuls für jede dieser Lernformen ist in der Aktivität der Kinder zu finden, in ihrem Wunsch, die Welt zu entdecken, sie sich zu eigen zu machen. 

 

4.1.2 Freies Spiel 

„Das freie symbolische Spiel ist die natürliche Tätigkeit des Kindes und Grundlage der späteren Fähigkeit, dem Leben auf schöpferische Weise zu begegnen.“ (Wild 1992, S. 37) 

Dem freien und spontanen Spiel begegnen wir überall auf der Erde, wo Kinder leben – auch noch in ärmlichsten und kärgsten Bedingungen, wo nicht eine Flut von Spielzeug zu finden ist, die heutzutage viele Kinderzimmer zum Überquellen bringt. Das Bedürfnis von Kindern nach freiem Spiel ist grösser, als wir Erwachsene es für möglich halten können. Denn Spielen ist für Kinder gleichbedeutend mit Lebendigsein. 

Freie Spiele erscheinen uns Erwachsenen oft unnötig und überflüssig, da sie keinen Bildungswert zu besitzen und nicht auf die Zukunft und das Leben vorzubereiten scheinen. Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Denn das Spielen ist die Aneignungsform, die Kinder mit auf die Welt bringen, um sich eben diese zu eigen zu machen. Spielen führt über die symbolische Funktionalisierung von Objekten zur fantasiegemäss kreativen Handhabung der Welt und damit zur Aneignung und Bewältigung der Realität. 

„Unsere Hochachtung vor dem Spiel wächst zusehends, sobald wir anfangen, uns als aufmerksame Betrachter diesem Geschehen zu nähern und dabei zu entdecken, dass Spiel und Arbeit keineswegs getrennt erscheinen, sondern vielmehr als eine gemeinsame schöpferische Tätigkeit der Entwicklung dienen.“ (Wild 1998, S. 128) 

Schon Säuglinge zeigen Grundformen des Spielens, indem sie von klein auf instinktive Handlungen in immer neuen Formen spielerisch variieren und dabei Neues entdecken. Später sucht sich das Kleinkind Modelle zum Nachahmen, ‚wischt’ vielleicht wie die Mutter den Tisch ab, bleibt jedoch nicht beim Nachahmen stehen und verrichtet die Handlung keinesfalls, um die Dinge tatsächlich zu erledigen. Vielmehr erprobt es auch hier neue Varianten und beginnt mit den Utensilien zu experimentieren. In beiden Fällen erfüllt es seine eigenen, von innen gesteuerten Entwicklungsbedürfnisse, erlernt beispielsweise die Koordination von Bewegung und Sinnen oder erfährt die Qualität der Dinge, mit denen es hantiert. Jede spielerische und kreative Interaktion mit der Umwelt erzeugt – insbesondere in den Wachstumsjahren – die innere Vernetzung in den verschiedenen neurologischen Systemen, welche die Basis bildet für das ‚Be-greifen’ und das Verstehen der Welt. 

Neben diesem spielerischen Umgang mit ihrem Lebensbereich finden wir schon bei Kleinkindern das symbolische Spiel und das Rollenspiel. Indem Kinder beliebige Gegenstände in beispielsweise Flugzeuge oder Autos verwandeln, ihnen also neue Bedeutungen zuschreiben, schaffen sie sich Symbole – eine Fähigkeit, die uns Menschen auszeichnet und reiche Entwicklungsmöglichkeiten bereit hält. Im Rollenspiel schlüpfen Kinder vorübergehend in eine andere Haut, sind mal Vater, mal Baby, mal Katze, mal Krankenschwester. Immer sind sie intensiv dabei, handhaben Gegenstände auf allerlei Art, üben ihre Motorik, ihre Sprache und später auch andere Fertigkeiten, wie z.B. Rechnen und Schreiben, drücken Gefühle aus, erfahren Grenzen und erleben soziales Miteinander. „Für [Kinder] ist das Spiel eine wichtige Tätigkeit, die ihrer Entwicklung dient: dem Verarbeiten von Erlebnissen, dem Symbolisieren, der aufrichtigen Interaktion mit Dingen und Personen.“ (ebd. S. 149) 

Kinder tun also nicht so, als ob sie spielen; sie entdecken und erlernen ihre Welt im Spiel – und das, bis sie erwachsen werden. Aus diesem Grund hat das freie Spiel in der Aktiven Schule einen grossen Stellenwert. Es dient nicht als Abwechslung vom Lernen und findet gelegentlich in Pausen statt, sondern wird als eigenständige Lernform anerkannt, welcher eine zentrale Bedeutung zugeschrieben und deshalb ein grosser Raum gegeben wird. 

„In der allgemeinen Entwicklungspsychologie ist schon seit vielen Jahren bekannt, dass Kinder, bis sie etwa zehn Jahre alt sind, soviel wie möglich spielen sollen. Das ist das Gesündeste, was sie tun können, und überdies das Beste für ihre physische, psychische und soziale Entwicklung. Ausserdem fördert es optimal ihre Fähigkeit zu lernen.“ (Juul 2000, S. 180f.)

 

 4.1.3 Freies Arbeiten 

Im Gegensatz zum freien Spiel ist das freie Arbeiten kein zweckfreies Handeln, das sich aus der Freude am Machen weiter entwickeln und neue Formen annehmen kann, sondern ein zielgerichtetes und ergebnisorientiertes Tun. Das bedeutet, eine Arbeit folgt einerseits einer bestimmten Endabsicht, die es zu erfüllen gilt, und ist andererseits irgendwann abgeschlossen, das Kind hat etwas fertig gestellt (z.B. ein Essen gekocht, einen Brief geschrieben, ein Flugzeug gebaut). 

In der freien Arbeit finden beispielsweise auch die vielen strukturierten Materialien, also die Lernmaterialien der vorbereiteten Umgebung (z.B. nach Montessori) ihre Verwendung. Als wesentlicher Aspekt dieser didaktischen Materialien sei an dieser Stelle nochmals die Möglichkeit der Selbstkontrolle betont, die Kinder unabhängig und damit „frei“ vom Erwachsenen macht. 

Wie aber ist nun die Freiheit beim Arbeiten tatsächlich zu verstehen? Der Begriff „frei“ bedeutet, dass sich ein Kind frei entscheiden kann, was, wann, wie, womit, wie lange und mit wem es eine bestimmte Aktivität tun möchte, und zwar ohne dabei von aussen bewertet zu werden. 

Was ist Freiheit des Kindes? Die Freiheit ist dann erlangt, wenn das Kind sich seinen inneren Gesetzen nach, den Bedürfnissen seiner Entwicklung entsprechend, entfalten kann. Das Kind ist frei, wenn es von der erdrückenden Energie des Erwachsenen unabhängig geworden ist. Dieses Freiwerden ist weder eine Idee noch eine Utopie, sondern eine oft erfahrene Tatsache. Es ist eine Wirklichkeit, die wir dauernd erleben. Wir schliessen damit nicht die Notwendigkeit der Kulturübermittlung noch die notwendige Disziplin und auch nicht die Notwendigkeit des Erziehers aus. Der Unterschied ist allein der, dass in dieser Freiheit die Kinder voll Freude arbeiten und sich die Kultur durch eigene Aktivität erwerben, dass die Disziplin aus dem Kind selbst entsteht.“ (Oswald/Schulz 1995, S. 42) 

Das Lernen bekommt zudem noch eine soziale Bedeutung, da Kinder auch üben, gemeinsam zu arbeiten, sich gegenseitig zu helfen, Probleme zu lösen, die Effektivität ihres Tuns im Dialog zu überprüfen, ihre Fähigkeiten selbst einzuschätzen und auch mit Kritik umzugehen, aufeinander Rücksicht zu nehmen und sorgfältig mit Materialien umzugehen. 

4.1.4 Angebote, Kurse und Projekte 

Neben freiem Spiel und freier Arbeit, soll es für die Kinder täglich verschiedene strukturierte Angebote geben. Individuelle Angebote richten sich dabei an interessierte Kinder und führen z.B. in ein didaktisches Material oder eine bestimmte Technik (z.B. Linoldruck) ein. Solche Angebote sind Lernangebote bzw. Lernimpulse und orientieren sich an dem jeweiligen Bedarf der Kinder. Daneben gibt es die regelmässigen Angebote, die stets zur selben Zeit stattfinden und den Vormittag bzw. die Woche rhythmisieren. Dies kann beispielsweise das Erzählen einer Geschichte sein, das gemeinsame Singen und Musizieren oder auch ein Bewegungsspiel. Die Teilnahme an solchen Angeboten ist grundsätzlich freiwillig. 

Wenn mehrere Kinder die Vertiefung eines bestimmten Themas wünschen, können Kurse unterschiedlicher Zeitdauer eingerichtet werden, in denen regelmässig zu festgelegten Themen gearbeitet werden kann. So kann beispielsweise das Erlernen von Fremdsprachen in solchen Kursen stattfinden. Bei Kursen sind die Bereitschaft und Initiative der Kinder, sich mit bestimmten Themen eingehender zu beschäftigen, massgebend. Die erziehenden Erwachsenen bleiben in der helfenden und unterstützenden Rolle. Die Teilnahme an Kursen ist für den gemeinsam abgesprochenen Zeitraum verbindlich, jedoch nur für diejenigen Kinder die das Zustandekommen des Kurses wünschten. 

In Projekten kann ein bestimmtes Thema über einen kurzen oder auch längeren Zeitraum gründlich und intensiv sowie von verschiedenen Seiten bearbeitet werden (z.B. das Anlegen von Beeten, Einkauf von Pflanzen, Pflanzenarten, Bepflanzung, Pflege, Ernte, Weiterverarbeitung usw.). Die ganzheitliche und fächerübergreifende Herangehensweise bei Projekten eröffnet verschiedenste Lernsituationen und -bereiche. Die Kinder lernen dabei u.a. Zusammenhänge zu erkennen, bestimmte Phänomene einzuordnen sowie die Wirklichkeit in ihrer Komplexität zu erfahren. 

Bei Projekten sind die Aneignung theoretischen Wissens sowie die praktische Umsetzung gleichermassen bedeutsam. Es kann sowohl bereits erworbenes Wissen angewendet als auch Neues erfahren werden. Individuelle Fähigkeiten und Neigungen bereichern dabei die Gruppe. Mehr noch als beim Freien Arbeiten, bei dem in erster Linie das individuelle Lernen betont ist, bieten Projekte die Möglichkeit, an einer selbstgestellten Aufgabe gemeinsam zu arbeiten, sie vorzubereiten, umzusetzen und hinterher auszuwerten. Hierbei entstehen zahlreiche Gelegenheiten zu sozialem Lernen wie das Treffen und Diskutieren von Entscheidungen, die Koordination von Tätigkeiten sowie das Suchen und Ausprobieren von Lösungen. Im gemeinsamen Tun können Kinder zudem ihre individuellen Grenzen erfahren und auch entdecken, was das Vorankommen einer Gruppe bremsen kann. Projekte entstehen aus Impulsen der Umgebung (der Schule, des Zuhauses, des freien Spiels) und orientieren sich an den momentanen Interessen und Bedürfnissen der Kinder. Die Teilnahme an Projekten ist freiwillig, aber für den gemeinsam abgesprochenen Zeitraum verbindlich. 

Im Zusammenhang mit Projekten oder Kursen kann es sinnvoll (z.B. Einkäufe tätigen) oder gar notwendig sein (z.B. Schwimmen lernen), ausserschulische Lernorte aufzusuchen. Dies ist ein ganz wesentlicher Aspekt unserer Arbeit, nicht nur um den Lebensweltbezug für die Kinder herzustellen, sondern auch, weil wir uns als Teil unserer Nachbarschaft verstehen, als Zelle unserer Stadt, nicht als „einsame Insel“, sondern als „Sprungbrett ins Leben“.

 4.2 Aufgaben der Lernbegleiter(innen) 

Die Haltung der Achtsamkeit und des Respekts, des „Gegenwärtigseins“ und der „Nicht-Direktivität“, welche der „erziehende Erwachsene“ in seiner veränderten Rolle in einer Aktiven Schule entwickeln muss, ist für uns Voraussetzung für die Arbeit als Lernbegleiter(in). Auch erwarten wir von unseren Lernbegleiter(innen), dass die Bereitschaft zu Fort- und Weiterbildung, zu Teamarbeit, zur Reflexion der täglichen Arbeit sowie zur Auseinandersetzung mit der Basisliteratur besteht. Hier soll nun zusätzlich auf die konkreten Aufgaben eingegangen werden. 

4.2.1 Gestaltung der „vorbereiteten Umgebung“ 

Die Hauptaufgabe der Lernbegleiter(innen) in der Aktiven Schule ist die Schaffung und permanente Reorganisation der „vorbereiteten Umgebung“. Denn einmal bereitet ist diese Umgebung nicht fertig, sondern sie bleibt einem ständigen Wandel unterworfen, je nach individuellen Bedürfnissen der Kinder und Prozessen innerhalb einer Gruppe. Das bedeutet für die Lernbegleiter(innen) ganz konkret, aus den Beobachtungen der Kinder abgeleitete Lernangebote vorzubereiten, immer wieder Impulse der Kinder aufzugreifen und passendes Material zu suchen oder selbst anzufertigen und bereitzustellen, aber auch eigene Impulse zu geben oder Angebote zu machen. Es meint ausserdem, sich den Kindern entsprechend ihres Interesses zur Wissensvermittlung und mit Tätigkeitsangeboten zur Verfügung zu stellen. Dabei kann es vorkommen, dass Kurse oder Projekte sinnvoll werden, die es dann umzusetzen gilt. 

Es ist selbstverständlich, dass die Lernbegleiter(innen) die Kinder mit dem Umgang der Materialien in der vorbereiteten Umgebung vertraut machen und, soweit dies notwendig ist, in den Gebrauch der didaktischen Lernmaterialien einführen. Zu diesem Zweck sollten sie mit den Lernmaterialien vertraut sein und sich regelmässig in deren Umgang üben. 

„Die Lehrerin tut weiter nichts, als [dem Kind] am Anfang zu helfen, sich unter so vielen verschiedenen Dingen zurechtzufinden und ihren genauen Verwendungszweck zu erlernen; sie führt das Kind also in das geordnete und aktive Leben seiner Umwelt ein. Doch dann lässt sie ihm seine Freiheit bei der Auswahl und Verrichtung seiner Tätigkeit.“ (Montessori 1969, S. 72) 

Sollten die Lernbegleiter(innen) jedoch feststellen, dass ein Kind über einen längeren Zeitraum hinweg bestimmte Lernbereiche völlig meidet, ist es ihre Aufgabe, die möglichen Ursachen dafür in enger Zusammenarbeit mit den Eltern zu ergründen und entsprechend zu reagieren. 

4.2.2 Zusammenarbeit mit den Eltern 

Für die erfolgreiche Arbeit in einer Aktiven Schule ist ein kooperatives Zusammenwirken der Lernbegleiter(innen) mit den Eltern im Rahmen der pädagogischen Partnerschaft unerlässlich. Damit zwischen den Erwachsenen, die auf verschiedenen Ebenen die Verantwortung für das Wohlergehen der Kinder tragen, ein Austausch stattfinden kann und Vertrauen und Miteinander selbstverständlich werden, hat für uns die Arbeit mit Eltern einen besonderen Stellenwert. Durch verschiedene Formen der Elternarbeit wie thematische Elternabende, Workshops, Einführungen in bestimmte Materialien und Seminarangebote wollen wir den Eltern die Möglichkeit geben, sich mit den grundlegenden Ideen dieses Konzepts sowie deren praktischer Umsetzung auseinander zu setzen, damit die Ideen auch zu Hause Anwendung finden. In persönlichen Gesprächen erhalten die Eltern Einblick in die persönliche und soziale Entwicklung ihrer Kinder. 

Über die Zusammenarbeit mit Eltern hinaus soll aber auch der Erwachsenenbildung überhaupt ein hoher Stellenwert eingeräumt werden. So können neben schulinternen Veranstaltungen auch öffentliche Fortbildungskurse und Vorträge angeboten werden. 

4.2.3 Mitverantwortung / Mitbestimmung 

Kinder auf ihrem Weg zu begleiten, auf dem sie zu Unabhängigkeit, kritischem Denken und Eigenverantwortung befähigt werden sollen: dazu gehört auch, Demokratie im Alltag zu ermöglichen. Denn nur, wer immer wieder erfährt, dass die eigene Meinung in der Gemeinschaft eine Rolle spielt, dass sie gehört oder gar umgesetzt wird, kann diese Eigenschaften entwickeln. Daher sind Mitverantwortung und Mitbestimmung fest im Alltag der Schule verankert: In einer wöchentlichen Versammlung können von Lernbegleiter(innen) und Kindern gemeinsam Pläne für die kommende Zeit gemacht, also Ausflüge oder Projekte geplant, aber auch Regeln aufgestellt, Konfliktfälle vorgebracht sowie Lösungen dafür erarbeitet werden. 

Dabei hat für uns der Prozess der Konsensfindung eine besondere Bedeutung. Unter Konsens verstehen wir, bei Meinungsverschiedenheiten, Konflikten oder zu treffenden Entscheidungen Lösungswege zu finden, die für alle annehmbar sind. Derartige Prozesse setzen die Bereitschaft und Fähigkeit voraus, eigene Ansichten zu vertreten und anderen zuzuhören und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Sie brauchen aber vor allen Dingen Zeit: Zeit, eine Situation so lange zu ergründen und zu diskutieren, bis eine Lösungsmöglichkeit entsteht, die von allen Beteiligten ohne grundsätzliche Schwierigkeiten angenommen werden kann. Dies kann auch bedeuten, dass nach neuen Wegen gesucht werden muss, wenn eine Lösung in der Praxis nicht gelingt. 

Diese Möglichkeiten der Mitverantwortung und Mitbestimmung sind für uns  grundlegend zum Erlernen eines neuen Miteinanderlebens, welches die Gleichwertigkeit aller beinhaltet. 

 

4.2.4 Evaluierung versus Beurteilung: Entwicklungsberichte 

„Gute Leistungen können niemals dadurch erreicht werden, dass man sie in die Erziehung hineinprüft.“ (English/Hill 1999, S. 146) 

In der Pädagogischen Tagesschule werden Kinder auf ihrem individuellen Lernweg begleitet. Was sie dabei lernen, ist vielfältig und komplex und entzieht sich einer Bewertung durch andere, insbesondere mit Ziffernnoten. In der Aktiven Schule wird der Aufbau wirklicher Verständnisstrukturen als Basis von Wissen und Können anerkannt und somit die Qualität des Lernens sorgfältig beobachtet. Ziel ist dabei zum einen, der Einzigartigkeit eines jeden Kindes gerecht zu werden. Zum anderen sollen Kinder nicht durch äusseren Ansporn, wie ihn auch Noten darstellen, zu gezielten Handlungen gebracht werden, sondern sie sollen vielmehr auf sich selbst (und die Sache) gerichtet bleiben, den Ansporn in ihrem Inneren finden, in ihrem Bestreben, eine Sache bis zur Vollendung zu beherrschen. 

Dem inneren Antrieb und der Selbstständigkeit von Kindern zu vertrauen bedeutet auch, Fehler als Ausdruck bestimmter Entwicklungsphasen zu begreifen. Das Kind muss „eine Anzahl von Denkstadien durchlaufen, deren Abwegigkeit es später einsieht, die aber offenbar nötig sind, um schliesslich die richtigen Lösungen zu finden.“ (Piaget 1975, S. 81) 

Kinder werden also zu einem späteren Zeitpunkt ihrer Entwicklung ihre Fehler selbst entdecken und korrigieren. Dabei lernen sie, ihren eigenen Lernfortschritt festzustellen, sich also sozusagen mit sich selbst zu vergleichen.

 Die Bewertung der Leistung von Kindern (d.h. der Zusammenhang zwischen vielen Fehlern und einer schlechten Note) hemmt ihre kindliche Experimentierfreude und Kreativität, ihre ursprüngliche Unbekümmertheit im Umgang mit Fehlern und legt die Kinder durch Notenzuweisung auf ein einmal (nicht) erreichtes Etappenziel fest. Den Begriff „Beurteilung“ im Sinne von „ein Urteil fällen“ lehnen wir daher ab und bevorzugen „Evaluierung“ als „Erkennen, wo man steht“. 

„Evaluierung dient hauptsächlich der Information, und zwar in erster Linie, um den Lernenden selbst und in zweiter Linie seine Begleiter und Eltern über Fortschritte, Wachstum, Interessen und Fähigkeiten zu informieren, die mit dem Lernen in Zusammenhang stehen. ... Evaluierung ist notwendig, um Verbesserungen zu erzielen und nicht, um mit anderen verglichen zu werden. Evaluierung ist befähigend, nicht destruktiv. Wenn es keine Verlierer gibt, dann kann jeder von der Evaluierung profitieren.“ (English/Hill 1999, S. 145f.) 

Zur Evaluierung der Kinder führen die Lernbegleiter(innen) laufend ausführliche Beobachtungsbogen, in welchen alle Lernbereiche bzw. die curricularen Vorgaben des Kantons Zürich, aber auch auch das Arbeits- und Sozialverhalten in einzelne Lernschritte aufgeschlüsselt sind. Diese detaillierten Beobachtungen sind Grundlage für die mündlichen Rückmeldungen, die Kindern und Eltern in regelmässigen Gesprächen gegeben werden. Zudem fliessen sie ein in die schriftlichen Rückmeldungen über die Entwicklungsprozesse der Kinder, die sogenannten „Entwicklungsberichte“, die von den Lernbegleiter(innen) am Ende eines jeden Semesters, ggf. auch eines Quartals verfasst werden. Sie geben zusätzlich zu den Fähigkeiten der Kinder in den einzelnen Lernbereichen Auskunft über ihre Reifeprozesse im emotionalen, kognitiven und sozialen Bereich sowie auch einen Überblick über die Tätigkeiten eines Kindes im Laufe dieses Schuljahres. Somit werden diese „Entwicklungsberichte“ auch den Inhalten des kantonalen Stufenlehrplans gerecht und können daher bei Bedarf (z.B. Schulwechsel) in Ziffernnoten umgewandelt werden. 

Weiterhin erhalten die Kinder natürlich Aufschluss über ihre Arbeit im täglichen Lerngeschehen, sei es durch die Lernbegleiter(innen), durch andere Kinder, durch den sichtbaren oder spürbaren Erfolg einer Arbeit oder auch die im Lernmaterial enthaltene Selbstkontrolle. Genauso können sich die Eltern stets anhand der von ihren Kindern angefertigten Produkten und Arbeiten sowie durch Inanspruchnahme des Beratungsangebots zusätzlich über ihre Kinder informieren. 

Mit dieser Form der Beurteilung übernehmen wir eine Praxis, die an anderen Freien Alternativschulen wie z.B. auch an den Waldorfschulen schon lange erfolgreich praktiziert wird. 

An dieser Stelle tauchen im Gespräch mit interessierten Eltern, welche nach alternativen Schulformen für ihre Kinder suchen, oft Zweifel auf: „Wird mein Kind denn auch ohne Druck von Lehrkräften genügend lernen? Ich habe in der Schule auch nichts gemacht, wenn ich nicht musste.“ Diese Sorge ist vor dem Hintergrund der eigenen Schulerlebnisse verständlich, konnten doch damals die wenigsten von uns Erfahrungen mit selbst bestimmtem und individuellem Lernen, welches dem inneren Entwicklungsbedürfnis entspringt, machen. Es fällt uns dann schwer zu glauben, dass Lernen freiwillig geschehen kann. 

Daher sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es inzwischen hinreichende wissenschaftliche Untersuchungen gibt, deren Ergebnisse belegen, dass Kinder aus Freien Schulen den Übergang zu weiterführenden Schulen entweder genauso gut (oder schlecht) meistern wie Schülerinnen und Schüler aus der Regelschule (Köhler et al. 2000, Altenburg et al. 1996, De Haan 1992, Reyher 1999, Rüdiger 1997) oder aber signifikant besser bewältigen (Lillard/Quest 2006). Fast alle Kinder erweisen sich als zusätzlich in der Lage, eigenständig zu arbeiten, selbstständig zu lernen sowie sich Wissen anzueignen, und verfügen über eine hohe soziale Kompetenz. 

 

4.3 Organisatorischer Rahmen 

4.3.1 Wochenstruktur und Betreuungszeiten 

In der Pädagogischen Tagesschule kann jedes Kind im sozial und organisatorisch verträglichen Mass seinem eigenen Rhythmus, seinen eigenen Ideen, Impulsen und Vorhaben folgen und sich bei seiner Arbeit frei bewegen. Es gibt keinen Lektionenplan im hergebrachten Sinne mit Schulstunden und Pausen, sondern einen Rahmenplan, der Montessori- und Projektarbeit sowie Angebote und Aktivitäten aller Art (z.B. im musischen Bereich) in einem grosszügigen zeitlichen Raster, manchmal auch (z.B. beim Instrumenten-, Ballet- oder Sportunterricht) zu bestimmten Zeiten vorgibt. Darin ist häufig genug auch die Möglichkeit für spontane Aktivitäten und zum Spielen gegeben. 

Der Rahmen bietet in dieser Form genügend Regelmässigkeiten, welche einerseits Tag und Woche strukturieren und damit Orientierung und verlässlichen Halt ermöglichen, sowie andererseits Raum für Ritualisierungen gewähren. 

Es gibt eine gleitende Anfangszeit von 7:30 bis 8:30 Uhr, während der die Kinder gemäss ihrer häuslichen Situation ankommen. Bis 12:00 Uhr schliesst sich für alle die Freiarbeitszeit an, in der die Kinder ihren selbst gewählten, jedoch curricular strukturierten Tätigkeiten nachgehen können. Durch diese gemeinsame Kernzeit von täglich 3 1/2 Zeitstunden ist gewährleistet, dass die Lernzeiten bei insgesamt theoretisch 40 Schulwochen à 5 Tagen pro Jahr in jedem Fall auch die kantonale Stundentafel (Unterstufe 1–3 durchschnittlich 16.3 Lektionen) abdecken. 

Ab 11:00 Uhr sind immer wiederkehrende Angebote wie beispielsweise das Erzählen von Geschichten vorgesehen, die den Kindern durch ein akustisches Signal (z.B. Gong) angekündigt werden, deren Teilnahme jedoch freiwillig ist. Gleichzeitig besteht in dieser Phase die Möglichkeit für aktuelle Projekte und Kurse. 

Die Option ‚Freier Nachmittag’ ist an einer Tagesschule nicht gegeben. Nach einer Essenspause bis 13 Uhr gehört der Nachmittag neben evtl. fortzuführender Projektarbeit vorzugsweise musisch-kreativen und naturbezogenen oder  motorischen Aktivitäten. Musik, Theater, Tanz, Werken, Gestalten, Sport stehen im Mittelpunkt des Nachmittagsprogramms, das aus organisatorischen Gründen in einem Wochenplan angekündigt ist. Von 16:30 bis 17:30 ist Abholzeit. 

Es ergibt sich folgende vereinfachte Wochenübersicht: 

Zeit

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

7:30—8:30

Gleitender Anfang

8:30—11:00

Freie Wahl der Arbeit*

11:00—12:00

Angebote, Projekte, Kurse*

12:00—13:00

Mittagessen

13:00—16:30

Projekte, Aktivitäten

16:30—17:30

Abholzeit

*Kernzeitbereich 

4.3.2. Zweisprachigkeit 

Zweisprachigkeit wird an der Pädagogischen Tagesschule dadurch erzielt, dass die Kinder einer Klasse von zwei Lehrpersonen, einer englischsprachigen und einer deutschsprachigen, unterrichtet werden. Beide LehrerInnen sprechen konsequent ihre eigene Muttersprache, wenn sie z.B. in Materialien einführen. In Mathematik und den Naturwissenschaften wird darauf geachtet, dass die Fachbegriffe und –formulierungen zweisprachig besetzt werden. 

4.3.3. Gebäude und Einrichtung 

Das Aussengelände und die Umgebung der Schule lädt zum Bewegen ein: Platz zum Spielen, Angebote zum Klettern und Balancieren stehen dort zur Verfügung. Es lädt auch zu vielfältigem Experimentieren ein: im Sandkasten, auf einem Sandberg, an Wassertischen, mit Giesskannen, Eimern, Behältern zum Transportieren, Messen, Umschütten, aber auch mit Brettern, Kisten, Seilen etc. (z.B. zum Bauen von Hütten). Je nach Bedürfnissen der Kinder können Teilbereiche gestaltet werden (z.B. Beete, Rückzugsnischen).  

Die Innenräume der Schule sind unterschiedlich genutzt. Neben einem Bewegungsraum, der auch Angebote zum Musizieren bereit hält, einer Küche (ggf. mit Essbereich) sowie einem Nassraum für Experimente mit Wasser und Sand, gibt es weitere Räumlichkeiten, die in Nischen mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten unterteilt sind und entsprechende strukturierte wie unstrukturierte Materialien in Regalen bereithalten. 

Die didaktischen Materialien in den einzelnen Bereichen setzen sich zusammen aus den Montessori-Materialien zu Mathematik, Sprache, Sinnen und Übungen des täglichen Lebens, Freiarbeitsmaterialien der verschiedenen Schulverlage sowie selbstgefertigtem Material. Hierbei wird sichergestellt, dass der gesamte Fächerkanon der Unterstufe entsprechend den Vorgaben des kantonalen Lehrplans für die jeweilige Stufe abgedeckt wird. 

 

4.3.3 Gruppenzusammensetzung 

Die Pädagogische Tagesschule Seldwyla nimmt ihre Arbeit mit 10 bis maximal 15 Kindern im Alter von 5–8 Jahren auf. Jedes Jahr erweitert sich diese Gruppe um eine entsprechende Anzahl von Schulanfängern, so dass langfristig eine je dreijährige Unter- und Mittelstufe mit altersgemischten Gruppen bis zur 6. Klasse entsteht. Erwünscht sind Kinder jeder Nationalität und Religionszugehörigkeit. Auch die Integration behinderter Kinder wird angestrebt, dies kann zum jetzigen Zeitpunkt aus räumlichen und personellen Gründen jedoch noch nicht umgesetzt werden. 

Die Aufnahme eines Kindes erfolgt auf Antrag der Eltern. Voraussetzung ist jedoch die Bereitschaft der Eltern, sich mit den Schwerpunkten des Konzepts der Schule, insbesondere die Haltung gegenüber Kindern betreffend, auseinander zu setzen und diese anzunehmen. Zudem sind eine enge und intensive Zusammenarbeit erwünscht.

  

5. Anhang 

Literaturliste 

Altenburg, Tanja et al.: Übergangsprobleme von Schülerinnen der „Freien Kinderschule Hamburg/Harburg“ beim Wechsel auf weiterführende Schulen. Hamburg 1996. 

Ayres, A. Jean: Bausteine der kindlichen Entwicklung. Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes. 3., korr. Aufl., Berlin und Heidelberg 1998. 

Böhm, Winfried (Hg.): Maria Montessori. Texte und Diskussion. Bad Heilbrunn 1971. 

Borchert, Manfred / Maas, Michael (Hg.): Freie Alternativschulen. Die Zukunft der Schule hat schon begonnen. Bad Heilbrunn 1998. 

De Haan, Gerhard: Was leisten Freie Schulen? In: Bundesverband der Freien Alternativschulen (Hg.): Freie Alternativschulen – Kinder machen Schule – Innen- und Außenansichten. Wolfratshausen 1992. 

English, Fenwick W. / Hill, John C.: Vision einer Schule der Zukunft. Total Quality Education – Die Transformation von Schulen in Lernzentren. Freiamt 1999. 

Feldenkrais, Moshé: Bewusstheit durch Bewegung. Der aufrechte Gang. Frankfurt/Main 1968. 

Ders.: Die Feldenkraismethode in Aktion. Eine ganzheitliche Bewegungslehre. Paderborn 1990. 

Gage, N.L. / Berliner, D.C.: Pädagogische Psychologie. 4., völlig neu bearb. Aufl., München 1986. 

Gervé, Friedrich: Freiarbeit – Was ist das? Lichtenau 1994. 

Gordon, Thomas: Die neue Familienkonferenz. München 1993. 

Gottmann, John: Kinder brauchen emotionale Intelligenz. Ein Praxisbuch für Eltern. München und Zürich 1997. 

Gribble, David: Schule im Aufbruch. Neue Wege des Lernens in der Praxis. Freiamt 2000. 

Gudjons, Herbert: Handlungsorientiert lehren und lernen. Schüleraktivierung – Selbsttätigkeit – Projektarbeit. Bad Heilbrunn 1997. 

Handlungsorientierter Unterricht. Begriffskürzel mit Theoriedefizit? In: Pädagogik, Heft 1/1997. 

Helming, Helene: Montessori-Pädagogik. Freiburg 1992. 

Hengstenberg, Elfriede: Entfaltungen. Bilder und Schilderungen aus meiner Arbeit mit Kindern. Freiamt 1991. 

Jacoby, Heinrich: Jenseits von Begabt und Unbegabt. Hamburg 1994. 

Juul, Jesper: Das kompetente Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie. Reinbek bei Hamburg 2000. 

Juul, Jesper: Grenzen, Nähe, Respekt. Wie Eltern und Kinder sich finden. Reinbek bei Hamburg 2000. 

Kabat-Zinn, Myla & Jon: Mit Kindern wachsen. Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie. Freiamt 1997. 

Keller, Olivier: Denn mein Leben ist Lernen. Wie Kinder aus eigenem Antrieb die Welt erforschen. Freiamt 1999. 

Köhler, Ulrike u.a.: Die Glocksee-Schule. Geschichte – Praxis – Erfahrungen. Bad Heilbrunn 2000. 

Lillard, Angeline/Else-Quest, Nicole: Evaluating Montessori Education. In: Science Vol 313, 29.9.2006. 

Mayer, Manfred: Konzept für eine Schule, die es (noch) nicht gibt. Pfaffenhofen 1998. 

Montessori, Maria: 

-         Das kreative Kind. (Der absorbierende Geist.) Freiburg 1972. 

-         Die Entdeckung des Kindes. Freiburg 1969. 

-         Kinder sind anders. München 1994. 

-         Grundlagen meiner Pädagogik und weitere Aufsätze zur Anthropologie und Didaktik. Heidelberg 1965. 

Oswald, Paul/Schulz-Benesch, Günter: Grundgedanken der Montessori-Pädagogik. Freiburg 1995. 

Piaget, Jean: Das Erwachen der Intelligenz. Stuttgart 1969. 

Piaget, Jean: Das Recht auf Erziehung und die Zukunft unseres Bildungssystems. München 1975. 

Pikler, Emmi: Lasst mir Zeit. Die selbständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen. (zusammengestellt und überarbeitet von Anna Tardos). München 1988. 

Pikler, Emmi: Miteinander vertraut werden. Freiamt 1994. 

Reyher, Barbara: „Dass man nicht mehr auf Bäumen leben kann oder so.“ – Übergangsprobleme von Kindern an Freien Alternativschulen auf weiterführende Schulen – dargestellt am Beispiel der Freien Schule Leipzig. Diplomarbeit an der PH Heidelberg 1999. 

Rosenberg, Marshall B.: Gewaltfreie Kommunikation. Aufrichtig und einfühlsam miteinander sprechen. Neue Wege in der Mediation und im Umgang mit Konflikten. Paderborn 2001. 

Rotthaus, Wilhelm; Trapmann, Hilde: Auffälliges Verhalten im Jugendalter. Handbuch für Eltern und Erzieher - Band 2.  Dortmund 2004. 

Rüdiger, Torsten: Durchlässigkeit des Schulsystems und individuelle Schullaufbahn. Studie zur Übergangsproblematik von Kindern der Freien Schule Leipzig-Connewitz zu Institutionen des öffentlichen Schulsystems. Leipzig 1997. 

Standing, E.M.: Maria Montessori. Leben und Werk. Oberursel i.T. o.J. 

Wallrabenstein, Wulf: Offene Schule – offener Unterricht. Ratgeber für Eltern und Lehrer. 4. akt. Aufl., Reinbek bei Hamburg 1994. 

Wild, Rebeca:

        Erziehung zum Sein. Erfahrungsbericht einer aktiven Schule. 6., akt. Aufl., Heidelberg 1992 / 9. Aufl., Freiamt 1998.

        Sein zum Erziehen. Mit Kindern leben lernen. Heidelberg 1992.

        Kinder im Pesta. Erfahrungen auf dem Weg zu einer vorbereiteten Umgebung für Kinder. Freiamt 1993.

        Freiheit und Grenzen – Liebe und Respekt. Was Kinder von uns brauchen. Freiamt 1998.

        Lebensqualität für Kinder und andere Menschen. Weinheim und Basel 2001.

        Kinder wissen, was sie brauchen. (Hg.: Valentin, Lienhard). Freiburg 1998. 

Zimmer, Renate: Kreative Bewegungsspiele. Psychomotorische Förderung im Kindergarten. Freiburg im Breisgau 1989. 

Zimmer, Renate / Hans Circus (Red.): Kinder brauchen Bewegung. Brauchen Kinder Sport? Aachen 1993.

 

 

 


Copyright (c) 2006 Montessori Zürichsee GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Copyright (c) 2006 Montessori Zürichsee GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

admin@montessori-zuerichsee.ch

admin@montessori-zuerichsee.ch